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Flüstereien und nächtliche Genüsse: Es ist Medronho-Zeit an der Algarve!

Grundlage für den berühmten Schnaps Portugals: Früchte des Erdbeerbaums

Unsere Autorin Christina Zacker lebt seit einigen Jahren im Hinterland der Algarve, im Monchique-Gebirge. Von dort schickt sie uns regelmäßig Geschichten, die uns zum Schmunzeln bringen und uns einen kurzweiligen Einblick in das portugiesische Leben und den Alltag dort geben.

Wochenlang haben sie sich kaum blicken lassen. Okay – es war Winter. Jetzt aber tauchen die portugiesischen Nachbarn plötzlich wieder auf. Aber sie benehmen sich etwas merkwürdig. Kommen nicht wie sonst runter bis zum Haus, sondern bleiben oben in der Einfahrt stehen. Winken verstohlen, man möge zu ihnen kommen. Und raunen dann den Satz, der sich mir als Nicht-Einheimischer erst beim zweiten oder gar dritten Mal richtig erschließt: „Comecei a destilar!“ „Ah“, denkt man als Monchique-Neuling, „interessant. Und was soll das jetzt?“
Eine Plastiktüte wird einem in die Hand gedrückt, mit der mehrmals wiederholten und geflüsterten Bitte, ja niemandem etwas zu erzählen, den Inhalt aber bitte zu genießen. Die Tüte trägt man ins Haus, und natürlich folgt man dem Hinweis, dies am besten unter der Jacke verborgen zu tun. Wenn es denn dem Seelenfrieden des edlen Spenders dient…

In der Tüte ist ein Fläschchen – in meinem Fall ein wirklich hübsches aus Keramik, meist aber eher eine Wein- oder sogar Bierflasche. Verkorkt natürlich, und der Inhalt ist stets derselbe: Medronho. Schnaps von den Früchten des Erdbeerbaums.

Mit dieser Flasche Medronho wurde Autorin Christina Zacker von ihren Nachbarn beschenkt

Mit dieser besonders hübschen Flasche Medronho wurde Autorin Christina Zacker von ihren Nachbarn beschenkt

Jetzt wird klar, was der Satz bedeutet: „Ich habe angefangen zu brennen!“ – also: zu destillieren.
Geheimnisvoll geraunt und geflüstert wird, damit ja niemand etwas mitbekommt. Allerdings: Jeder, wirklich jeder weiß Bescheid in der Serra de Monchique. Sogar die GNR, also die Polizei. Die Schwarzbrennerei von Medronho wird stillschweigend geduldet, es ist alte Tradition, die erhalten bleiben soll. Der Schnaps ist eine portugiesische Spezialität aus den Früchten des Erdbeerbaums, die es nur in der Algarve und im südlichen Alentejo gibt.

Professionellen Anbau kennt man nicht, lediglich auf privaten Grundstücken wächst der strauchartige Baum, von dem man mühsam per Hand die Früchte abzupft. Besitzt man kein eigenes Land, wird der aus der Ernte gewonnene Aguardente de Medronho (Medronho-Branntwein) üblicherweise aufgeteilt: Je ein Drittel bekommen der Landbesitzer, derjenige, der die Früchte gepflückt hat und der Schnapsbrenner. Im Herbst werden die Früchte geerntet, dann kommen sie in die Gärung und ab Februar heißt es eben überall: „Comecei a destilar!“
Wohnt man, wie ich, ein bisschen oberhalb von Monchique, kann man über Wochen jede Nacht ein bisschen im Garten schnuppern gehen: Denn die Destillation verbreitet einen gar feinen Duft in der Luft.

Fast alle brennen hier, und das in einer Qualität, wie man sie im Supermarkt und sogar im Loja do Mel e do Medronho (am Largo dos Chorões in Monchique) kaum bekommt. Es gibt– neben den vielen geheimen Schnapsbrennern – zwar auch eine offizielle „Bruderschaft“: die Confraria do Medronho Os Monchiqueiros.

Wappen der Medronho-Bruderschaft von Monchique © Confraria do Medronho Os Monchiqueiros

Wappen der Medronho-Bruderschaft von Monchique
© Confraria do Medronho Os Monchiqueiros

Deren ebenfalls exzellente Produkte kann man im Laden, aber auch in den örtlichen kleinen Geschäften und Supermärkten bekommen.

Aber natürlich schmeckt der geheimnisvoll gebrannte Medronho viel besser! Hat man guten Kontakt zu seinen Nachbarn, wird man eingeladen: etwa frühmorgens zum ersten Verkosten nach der Destillation. Das führt allerdings dazu, dass der restliche Tag mehr oder weniger gelaufen ist. Eine ganz große Ehre und der Vertrauensbeweis schlechthin ist es, wenn man für die Nacht in die hauseigene Destille gebeten wird. Es empfiehlt sich, mit reichhaltigem Essen eine gute Unterlage zu schaffen und sich auch in diesem Fall für den Folgetag besser nichts vorzunehmen… solcherart nächtliche Aktivitäten und Genüsse nimmt man besser nicht auf die leichte Schulter.

Kleiner Tipp für alle, die einen Schwarzbrenner kennen: Lassen Sie sich vom ersten Brand ein Fläschchen abfüllen. Nicht für den Trinkgenuss – Gott bewahre. Aber für eine andere portugiesische Spezialität: die Chouriço, eine ebenfalls oft hausgemachte Wurst, die eingeritzt und dann in einer kleinen Tonform direkt am Tisch über Alkohol „gegrillt“ wird. Dafür schmeckt der hochprozentige Medronho bestens.

Übrigens: Nicht nur an der Algarve nennt man den Erdbeerbaum-Schnaps auch mata bicho (Wurmtöter). Selbst wenn ihn der einheimische Bauer oder Fischer in den morgendlichen Kaffee kippt, um die Lebensgeister zu wecken oder sich nach nächtlicher Fahrt aufs Meer aufzuwärmen: Für den eher empfindlichen mitteleuropäischen Magen ist das eher die harte Tour.
Wer es etwas milder mag, hält sich an Melosa: Medronho mit Honig versetzt (und manchmal auch mit Kirschen oder anderen Früchten drin) wird als sanfter Likör genossen.

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Christina Zacker

Christina Zacker ist deutsche Journalistin und Buchautorin und lebt seit vielen Jahren in Portugal, im Hinterland der Algarve. Amüsant und zugleich informativ berichtet sie regelmäßig über ihre Beobachtungen und Erlebnisse im portugiesischen Alltag.

1 Kommentare

  1. Robert Stein sagt

    Olá senhora Zacker,
    war vor kurzem an der Algarve in Armacao de Pera und auch in Ihrer Gegend und habe die Geschichten des sagenumwobenen Medronho gehört, die Sträucher gesehen und selbstverständlich auch den Schnaps probiert, der mir unter vorgehaltener Hand und erst nach mehrmaligem Nachfragen kredenzt wurde 😉 Geheimnisvoll! Wie Sie es ja auch beschreiben!
    Danke für Ihren schönen Artikel!

    Liebe Grüße
    Robert Stein

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