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Portugiesischer Jakobsweg: Pilgern an der Küste

Alle kennen den Pilgerweg des Heiligen Jakobus durch Nordspanien, kaum einer den durch Portugal. Das wollen wir ändern. Sonnenseiten-Redakteurin Evelyn sprach mit dem Autor Herbert Hirschler, der über seine Tour von Lissabons Küste über Porto nach Santiago gerade ein Buch veröffentlicht hat.


Herr Hirschler, wann haben Sie zum ersten Mal vom portugiesischen Jakobsweg gehört?

Das ist schon etwa fünf Jahre her. Damals vor meinem ersten Jakobsweg habe ich jede Menge Reiseberichte darüber „verschlungen“. 2010 war es dann endlich soweit: Ich pilgerte am nordspanischen Jakobsweg. 1.100 Kilometer von Hendaye in Frankreich über San Sebastian, Bilbao, Gijón und Ribadeo nach Santiago de Compostela und dann noch weiter nach Finisterre  und Muxia.

Einmal Pilger, immer Pilger – seit dieser Zeit brannte es förmlich in mir, wieder mal auf einem Camino zu wandern. 2016 erfüllte sich dieser Traum ein zweites Mal und ich konnte mir wieder einen Monat Auszeit von Firma und Familie nehmen – zum Glück steht meine Frau hinter meinen abstrusen Ideen, und auch mit der Firma, in der ich hauptberuflich für die EDV zuständig bin, gab es eine schöne Einigung.


Was hat Sie an der Idee, in Portugal einen Pilgerweg zu laufen, fasziniert?

In Portugal gibt es mehrere Caminhos, der am meist begangene ist der „Caminho Central“ von Porto nach Santiago durch das Landesinnere. Es gibt aber auch eine Variante von Porto direkt am Meer entlang – und als leidenschaftlicher „Küstenentlangmarschierer“ kam für mich nur dieser Weg in Frage. Ich wollte weiter marschieren, als „nur“ von Porto nach Santiago, daher bin ich von Lissabon den offiziellen Jakobsweg gewandert – über Coimbra durch das Landesinnere. Durch das Facebook-Forum „Caminho Portuguese“ bin ich dann auf den „Trilho das Areias“ gestoßen, der ab Lissabon direkt am Atlantik entlang geht und ein Konglomerat aus verschiedenen Wanderwegen ist. Auch der Pilgerweg nach Fátima wird dabei gekreuzt. Seit ich diesen Weg für mich „entdeckt“ hatte, ging er mir nicht mehr aus dem Kopf. Wandern mit direktem Blickkontakt auf den Atlantik – was gibt es Schöneres!

Welcher Streckenabschnitt hat Ihnen am besten Gefallen und warum?

Die ersten acht Tage von Lissabon bis Nazaré waren wunderschön. Ich pilgerte hoch über dem Atlantik auf spektakulären Steilküsten, direkt am im Frühjahr menschenleeren Strand, auf engen Holzstegen über blühende Bodendecker, ich musste auf abenteuerlichen Steinbrücken Bäche überqueren, war direkt in den Klippen unterwegs. Das Wetter war wunderschön und jeden Abend sah ich Sonnenuntergänge der Kitschklasse 1a.

Die nächsten fünf Tage nach Nazaré war dann Radweg-Wandern angesagt. Der Sand am Strand war sehr tief und es wäre nicht möglich gewesen, die Tagesetappen direkt am Meer entlang zu wandern. So musste ich auf den Radweg ausweichen, der täglich bis zu 35 Kilometer schnurgeradeaus durch einen die Sicht auf das Meer verstellenden Föhrenwald führte. Da glühten die Sohlen, und ich war sehr froh, als diese Tage dann vorbei waren und ich ab Praia da Mira wieder den Atlantik in Sichtweite erreichte.

Ab Furadouro, zwei Etappen vor Porto, war es wieder traumhaft. Da war wieder alles dabei, was ein Pilgerherz höher schlagen lässt – verträumte Fischerdörfer, Sand- und Kieswege, Holzstege – einfach wunderschön.

Die zehn Tage ab Porto kam leider der Regen– auf meinen bisher mehr als 2.000 Pilgerkilometern hatte ich niemals längere Regenwetterperioden. Aber trotzdem – oder gerade deswegen – habe ich das Pilgern auch im Regen sehr genossen. Die Küstenlandschaft war weiterhin einzigartig, meine Bekleidung war optimal, es war nicht zu kalt – und ich hatte eine Ausrede mehr, dass ich abends mit meinen nassen Sachen unmöglich eine Herberge unter Wasser setzen könne und daher auch weiterhin in Pensionen oder Hotels übernachten sollte.


Welche interessanten Begegnungen haben Sie gemacht?

Auf den ersten 450 Kilometern von Lissabon nach Porto habe ich keinen einzigen Pilger getroffen – laut Facebook-Forum bin ich auch der erste deutschsprachige Peregrino, der diesen Weg komplett marschiert ist. Zumindest laut deren Aufzeichnungen. Aufgrund diesem Mitpilgermangel bin ich abends in die Bars der Einheimischen marschiert und weiß jetzt, dass es auch mit neun Wörtern Portugiesisch, sieben spanischen Vokabeln, meinem Austrian-Mountain-Englisch und ganz viel Körpersprache auch sehr lustig werden kann.

Die Menschen in Portugals Kneipen waren ausnahmslos freundlich, und sobald ich den Zaubersatz „Peregrino de Santiago“ losließ, war ich sowieso mitten drin statt nur dabei.
Ein der schönsten Begegnungen war aber zweifellos jene mit Antonio. Ich wusste am Morgen vor dem Start nicht, wo ich am heutigen Etappenziel in Gafanha da Nazaré schlafen werde, weil die einzige Pension dort ausgebucht war. Also setzte ich, als ich dort anlangte, in eine Hafenkneipe auf eine Nachdenk-Cerveja. Plötzlich kam ein Mann auf mich zugerannt, deutete auf meine Muschel am Rucksack, und wollte mir erklären, dass ich hier falsch sei, denn der Jakobsweg geht durchs Landesinnere. Beim Gespräch stellte sich heraus, dass dieser Mann, Antonio, früher mal ein hohes Tier in der portugiesischen Regierung war, und außerdem als Profi-Peregrino auf vielen Jakobswegen in aller Welt unterwegs war.
Als Pilger hilft man dem anderen, meinte er. Daher hat mich Antonio in sein Haus eingeladen, hat für mich Calamari gegrillt und bei einigen Vinhos haben wir stundenlang über Gott und die Welt gequatscht.


Pilgern soll die Menschen verändern, hört man immer wieder. Was hat sich bei Ihnen in ihrem Alltag verändert?

Wer einmal dieses Gefühl der Ruhe und Gelassenheit erfährt, das einem beim Pilgern oder Wandern über mehrere Wochen zwangsmäßig überkommt, der wird sehr leicht vom Pilgervirus infiziert. Man hat keine Termine, muss nichts noch schnell fertigmachen, an nichts denken, außer vielleicht, dass man sich mit Sonnencreme einschmieren sollte, weil es auch im Frühling in Portugal sehr heiß werden kann. Es ist ein „Reset“ des Körpers, Stress und Hektik werden zu völligen Fremdwörtern – und – zumindest bei mir – hat dieser Weg Spuren für das ganze Leben hinterlassen.


Welchen Rat möchten Sie den Pilgern des Portugiesischen Jakobsweges mit auf den Weg geben?

Alle, die diesen Weg gerne gehen möchten, aber es sich nicht zutrauen, weil vielleicht so viel dagegenspricht (keine Zeit, nicht fit genug, keine Ausrüstung usw.), denen möchte ich sagen: Macht es! Probiert es einfach! Diese Wochen sind ein Geschenk für Körper und Seele. Das schwierigste ist die Entscheidung, aufzubrechen. Wenn man unterwegs ist, fügt sich vieles von alleine. Auch die Fitness. Ich bin zum Beispiel mit 128 Kilo gestartet und habe am Ende des portugiesischen Wegs nach 27 Tagen und 750 Kilometern 12 Kilo verloren. Dass ich diese Kilos dann später alle wieder gefunden habe, ist eine andere Geschichte. Geblieben aber ist dieses Gefühl von Ruhe und Zufriedenheit – und tausend Erinnerungen tief im Herzen.


Sie wollen das Pilgern in Portugal selbst einmal ausprobieren?
Dann wandern Sie mit OLIMAR auf dem Portugiesischen Jakobsweg:

Wandern auf dem Jakobsweg – Camino Portugués: 8-tägige individuelle Wanderreise, die letzten 100 km des Portugiesischen Weges mit Übernachtungen direkt am Weg und in Santiago. Gepäcktransport und offizielle Pilgerurkunde inklusive. Weitere Informationen auf der Seite www.olimar.de/SCQX21.

Kulturjuwelen entlang des portugiesischen Jakobswegs: 6 Übernachtungen/Halbpension in 4 Sterne- oder sehr guten 3 Sterne-Hotels, Fahrt im modernen, klimatisierten Reisebus, Besuch von 5 UNESCO-Weltkulturerbestätten, Ausflüge und Besichtigungen laut Programm inkl. Portweinprobe und aller Eintrittsgelder. Qualifizierte, deutschsprachige Reiseleitung während der Rundreise. Weitere Informationen auf der Seite www.olimar.de/LISX45.


Buch-Tipp:

Himmel, Herrgott, Portugal
Der portugiesische Jakobsweg
An der Küste von Lissabon über Porto nach
Santiago de Compostela
320 Seiten, kartoniert, zahlreiche Farbfotos
€ 20,50 (D)
ISBN: 978-3-7011-8045-5
2017 / Leykam Buchverlag
Auch als E-Book erhältlich

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